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Geschichten - Zum Lesen: Der AdlerjungeEine nordamerikanische Geschichte von Freundschaft und Sehnsucht. In einem kleinen Dorf lebte einmal ein Junge. Wie alle anderen Jungen aus dem Dorf ging er am Morgen mit seinen Eltern und Geschwistern auf die Felder, später am Tag spielte er mit den anderen Kindern. Und dennoch war er anders als die anderen. So konnte es geschehen, dass er innehielt, um mit seinen Augen aufmerksam dem Flug eines Adlers zu folgen, der von den Bergen hergekommen war, um hier Jagd auf einen Hasen oder eine Maus zu machen. "Ach," dachte der Junge dann, "es muss herrlich sein, so hoch oben am Himmel zu fliegen. Ich aber muss immer hier unten auf der Erde bleiben." Einmal war der Junge fortgegangen, und als er wiederkam, hatte er einen jungen Adler bei sich, den er verletzt und halb verhungert am Fuße der Berge gefunden und mit ins Dorf genommen hatte, um ihn wieder gesund zu pflegen. Der Vater half ihm, einen Käfig zu machen und der Junge brachte ihm Wasser und Fleisch. So kam der Adler bald wieder zu Kräften. Der Junge aber wollte sich nicht mehr an der Feldarbeit beteiligen, oder wenn etwas im Hause zu tun war. "Bruder," riefen die Geschwister, "komm und spiele mit uns". "Nein," antwortete er, "seht ihr denn nicht, dass ich den Adler füttere?" "Sohn," riefen Vater und Mutter, "komm und hilf uns auf den Feldern." "Nein," rief er, "seht ihr denn nicht, dass ich den Käfig sauber mache?" Weil der Junge ihn so gut pflegte, konnte der Adler bald wieder fliegen. Doch kam er immer wieder zu dem Jungen zurück, und jeder im Dorf sah, dass beide wie Brüder füreinander waren. Darum riefen die Eltern die Anderen aus dem Dorfe zu sich, und fragten: "Was sollen wir tun?" Sie berieten sich, und schließlich ging der Dorfälteste zu dem Adler hin sprach: "Du kannst nicht länger bleiben. Wenn du bis morgen nicht fort bist, werden wir dich töten." Als der Junge zu dem Adler kam, bat er ihn: "Lasse mich fortfliegen, denn wenn ich bleibe, töten mich die anderen." Der Junge war traurig, bat aber den Adler: "Nehme mich mit, denn wenn du fortfliegst, mag ich auch nicht länger bleiben." "Hast Du denn Mut genug, mit mir fortzufliegen?" wollte der Adler wissen. Der Junge nickte und als am andren Morgen die Dorfleute kamen, da waren beide fort, und niemand wusste etwas dazu zu sagen. Der Adler trug den Jungen in immer weitere Höhen. Der hielt sich gut fest und sah dabei verwundert auf die Erde hinab, der er immer weiter entschwebte, bis die Menschen darauf schließlich nur noch kleine Punkte waren. "Das Fliegen ist noch viel schöner als ich es mir vorgestellt habe", dachte der Junge. Schließlich durchbrachen sie die Wolken und kamen in das Reich der Adler. Sie landeten und da sah der Junge eine Vielzahl von Adlern aller Art, die neugierig herbeigeflogen kamen. "Was bringst du einen Menschen hierher?", fragten sie. "Er ist mein Bruder", sprach der Adler, "er hat mir einmal das Leben gerettet und will nun mit uns hier leben." Da gab ein jeder dem Jungen ein paar seiner Federn, und der machte sich daraus ein Federkleid. Bald sah er selber wie ein Adler aus. Da luden ihn die Adler ein, mit ihnen zu fliegen. Und weil er jeden Tag eifrig übte, wurde er immer kräftiger. Bald sahen die anderen ihn höher und höher steigen und die gewagtesten Kunststücke machen. Da sprach der Adler eines Abends zu ihm: "Du fliegst wie ein Adler, ja manches Mal bist du sogar mutiger und kräftiger als jeder von uns. Lasse Dir aber eines sagen: Du kannst fliegen, wohin du auch immer willst. Nur zu Vater Sonne darfst Du nicht fliegen, denn er würde dich fressen. Willst du das versprechen?" Der Junge lachte und versprach es ihm. So lebte er eine gute Weile bei den Adlern. Einmal aber flog er höher und höher hinauf, sah die Sonne und spürte ihre Wärme und Kraft und er vergaß das Gebot der Adler. Nur immer weiter hinauf wollte er, hinauf zu Vater Sonne. Er spürte die Hitze nicht, die immer größer und größer wurde, so groß war sein Verlangen, dem goldenen Himmelsball näher zu sein. Da verbrannten erst die Spitzen seiner Flügel und schließlich sein gesamtes Federkleid, sodass er hinunter bis in das Reicht der Adler fiel, die ihn umringten. "Seht nur, Vater Sonne hat mir meine Federn verbrannt. Gebt mir noch einmal von Euren Federn, dass ich mir wieder ein Federkleid machen kann", und er hielt ihnen seine nackten Arme entgegen. Die Adler aber rührten sich nicht. Schließlich sprach sein Freund: "Du hast Dein Versprechen gebrochen und bist hinauf zu Vater Sonne geflogen. Nun kannst Du nicht länger bei uns bleiben. Du musst wieder herab auf die Erde!" Der Junge erschrak. "Aber wie soll ich zurück auf die Erde, wenn ich doch keine Flügel mehr habe?" Da sprach sein Adlerfreund: "Setze Dich auf meinen Rücken. Ich werde Dich hinuntertragen, wie ich dich auch hinaufgetragen habe." So geschah es. Wie sie aber der Erde näher und näher kamen, wurde der Junge immer trauriger, bis er endlich zu weinen begann. Unten auf der Erde setzte der Adler den Jungen ab, nahm Abschied und flog wieder davon. Eine Weile verging, da hörte der Junge etwas, das ihm bekannt vorkam. Er horchte und schaute sich um. Da waren seine Brüder und Schwestern, die gerade von den Feldern zurück ins Dorf gingen und dabei sangen sie ihre Lieder. Da sah er auch, dass alle Früchte auf den Feldern in voller Reife waren. "Ach, wie sehen die gelben Maiskolben, die Bohnen und die Kürbisse doch köstlich aus", dachte er und wunderte sich, dass er gar nichts mehr davon gewusst hatte. Er stand auf, und da spürte er die Erde unter seinen Füßen und es fühlte sich wunderbar an. Er lief den anderen hinterher und rief sie. Sie drehten sich um und als sie ihn sahen, lachten sie und freuten sich, dass er wieder zurückgekehrt war. Von nun an ging er wieder gemeinsam mit ihnen auf die Felder. Am Abend aß und trank er mit ihnen und er erzählte ihnen, was er erlebt hatte. Und so vergingen die Jahre. Er wurde ein angesehener Mann und doch nannten ihn alle nur "den Adlerjungen". Den Adler aber sah er nie mehr wieder. An dem Tag aber, an dem er starb, erschien ein Adler, kreiste eine Weile über der Hütte und setzte sich schließlich auf das Dach. Die Dorfbewohner standen dort und sahen den Adler. Kurz saß der Adler da, dann erhob er sich wieder und flog davon. Da sagte es einer zum anderen: "Der Adlerjunge ist wieder mit seinem Freund vereint." Ende zurück zu Geschichten zum Lesen Fragen und Anregungen bitte an: info@zungenklang.de nach oben zum Seitenanfang / zur Navigation |