| | Geschichten - Zum Lesen: Fuchs und Hase
ein Märchen aus SpanienEin Fuchs lief einmal im Wald den Weg entlang und suchte eine Beute, denn er hatte seit Tagen nichts Richtiges im Bauch und einen Hunger wie selten. Wie es der Zufall will, sah er da einen Hasen vor sich über den Weg hoppeln und stürzte sich sofort darauf. Er packte es und rief: "Häschen, du bist mir gerade zur richtigen Zeit begegnet. Jetzt fresse ich dich mit Haut und Haar."
Was konnte das arme Häschen im Maule des Fuchses schon machen. Es quietschte ängstlich, und dachte, nun sei sein letztes Stündlein gekommen. Es wollte sich aber dann doch nicht so schnell fressen lassen, dachte nach und sagte schliesslich mit trauriger Stimme zum Fuchs: "Sterben muss jeder einmal. Wenn es denn sein muss, gut, so friss mich eben. Vorher aber habe ich noch eine letzte Bitte an dich, und du wirst mir diesen letzten Wunsch doch sicher erfüllen. Die Tiere im Wald sagen alle, du hättest eine so schöne Stimme. Bitte, sing mir zum Abschied noch ein kleines Lied."
Davon hatte der Fuchs noch nichts gehört, fühlte sich aber in seiner Eitelkeit geschmeichelt, und um zu zeigen, dass er wirklich eine schöne Stimme hatte, öffnete er ein wenig sein Maul und sang vorsichtig: "Ich, der schlaue Fuchs, verkünde laut: Ich fresse den Hasen mit Haar und Haut!" Das Häschen aber tat so, als ob es nichts gehört habe: "Hast du schon gesungen, Fuchs? Ich habe nicht einen einzigen Ton gehört." Da öffnete der Fuchs sein Maul noch ein wenig weiter und sang: "Ich, der schlaue Fuchs, verkünde laut: Ich fresse den Hasen mit Haar und Haut!"“ Wieder sagte das Häschen: "Ich habe nichts gehört, lieber Fuchs. Kannst du denn überhaupt singen?" Der Fuchs war in seiner Eitelkeit als Sänger tief getroffen, öffnete das Maul darauf noch mehr und sang so laut wie es ging mit dem Hasen zwischen den Zähnen: "Ich, der schlaue Fuchs, verkünde laut: Ich fresse den Hasen mit Haar und Haut!"
"Oh, das war wunderschön, lieber Fuchs", lobte das Häschen. "Doch du kannst es bestimmt noch viel, viel besser. Höre bitte meinen Vorschlag an: Lege mich neben dich auf diesen Stein. Dann bin ich dir nicht im Wege, und du kannst ungestört dein Maul aufmachen und aus voller Kehle mein Abschiedsliedchen singen." Der Fuchs überlegt, dann legte er das Häschen auf die Erde, öffnete sein Maul sperrangelweit und schmetterte aus voller Kehle: "Ich, der schlaue Fuchs, verkünde laut: Ich fresse den Hasen mit Haar und ..." "Noch hast du mich nicht gefressen, du schlauer Fuchs!" rief da das Häschen laut und war mit einem weiten Sprung im nahen Gebüsch verschwunden. Der Fuchs aber stand noch lange da mit offenem Maul, allerdings nicht, weil er sang.
Ende
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