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Geschichten - Zum Lesen: Neue Heimateigene Geschichte, mit der ich 2006 den
1. Preis beim Landshuter Literaturwettbewerb gewann
Polizeimeldungen vom 16. August 1985:
Landshut. In einem Badeweiher des Naherholungsgebietes sind gestern nach einem
mysteriösen Vorfall Süßwasserquallen entdeckt worden. Der Fund der seltenen
Spezies löst deshalb starke Verwunderung aus, weil die Quallen sich
normalerweise in kälteren Gewässern aufhalten. Dem Fund vorausgegangen war der
besorgte Anruf eines Anwohners, der Schreie gehört hatte. Polizei und Amt für
Umweltschutz ermitteln.
Landshut. Im mysteriösen Fall des Alfa Romeo, der in der Nacht zum 14. August
mit laufendem Motor in der Fußgängerzone gefunden wurde, ist nun nach
Polizeiangaben festgestellt worden, dass es sich bei den angebrachten finnischen
Kennzeichen um Fälschungen handelt.
I
„Was für ein Aufwand,“ stöhnte Warz neben mir. Er betrachtete genervt das
sonderbare Vehikel vor uns. Ich lächelte ihn an: „Nun hab dich nicht so, wir
brauchen das Ding ja nur kurz. Und dann ist unser Volk endlich am Ziel der
Reise!“ Seit vielen Generationen war unser Volk unterwegs gewesen, um diesen
Planeten zu finden. In den letzten Wochen hatte jedes der vielen hundert Teams
sich damit beschäftigt, ein etwas sonderbares Ding nach Vorlagen vom
Zielplaneten zu doppeln und den Umgang damit zu trainieren. Und jetzt wartete es
auf seinen ersten und einzigen richtigen Einsatz. „Seid ihr soweit?“, rief einer
der Offiziere. Warz und ich nickten. Das Vehikel war rot, und wie ich fand, auch
ganz hübsch. Von unseren Trainern wussten wir, dass die Erdlinge damit über
ihren Planeten sausten und daran so viel Freude hatten, dass sie dafür in Kauf
nahmen, ihren Planeten dauerhaft zu schädigen. Wenn wir erst einmal dort unten
heimisch geworden wären – soviel war klar – würden wir uns darum kümmern müssen.
„Komm, lass uns da reinsteigen!“ Wir hatten wirklich an alles gedacht. Die
Erdlingsgestalt stimmte bis ins kleinste Detail, dann die Kleidung, und das
Ding, dass die Erdlinge ‚Auto’ nannten. Beinahe hätten wir eine Kleinigkeit
übersehen – so genannte Nummernschilder, deren Funktion uns völlig schleierhaft
war. Als wir unseren Fehler bemerkten, hatten wir einfach die erstbesten
kopiert, die wir von hier oben hatten scannen können.
„In Ordnung, kann losgehen!“, rief ich dem Offizier zu. Wir hatten lange und
ausdauernd geübt, uns in der ungewohnten Gestalt der Erdlinge zu bewegen. Für
Wasserwesen wie uns war das sehr anstrengend, aber inzwischen ging es doch recht
gut. Ich schaute zu den anderen hinüber. Es war eindrucksvoll, denn zeitgleich
mit uns beiden stiegen viele Tausend von uns in Menschengestalt in ihre ‚Autos’.
Ziel sollte ein kleiner See sein, der uns ideale Lebensbedingungen versprach:
nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu kalt und nicht zu warm. Nur die
Offiziere des Raumschiffs würden solange an Bord bleiben, bis das
Übersiedlungsmanöver abgeschlossen war. Dann würden auch sie folgen. Alles war
genau geplant und wir waren auf jeden Zwischenfall genauestens vorbereitet. Die
Erdlinge sollten von all dem nichts mitbekommen. Obwohl wir uns bereits einen
langen Zeitraum über ihren Köpfen aufhielten, war ihnen unsere Anwesenheit
bislang gänzlich verborgen geblieben. Sie dagegen waren von unseren
Wissenschaftlern ausführlich beobachtet und analysiert worden.
II
Der Transport zur Erde war planmäßig gelaufen und wir befanden uns jetzt an
unserem Startort. Warz ließ den Motor an. Schon in wenigen Minuten würden wir am
See sein, unsere gewohnte Gestalt wieder annehmen und unbemerkt ins Wasser
verschwinden. Die Vernichtung des Autos würde von unseren Offizieren vom
Raumschiff aus übernommen. Wir würden endlich wieder in einem echten See leben!
Sonderbare Vorstellung, kannten wir dieses Leben doch ausschließlich aus den
Aufzeichnungen unserer Urgroßeltern. Ob ich das Raumschiff vermissen würde? Wie
würde sich das Leben in diesem See für uns entwickeln? ‚Freie Natur’ – fast
bekam ich ein wenig Angst davor, obwohl gleichzeitig die Sehnsucht meines Volkes
auch in mir lebte und sich jede Zelle meines Körpers auf die Berührung mit dem
Wasser freute.
Irgendetwas stimmte nicht mit dem Auto. Der Motor lief, aber dennoch rührte es
sich nicht vom Fleck. Wir nahmen Kontakt mit dem Raumschiff auf. „Das läuft
nicht. Irgendetwas müssen wir übersehen haben.“ „Wartet, wir versuchen, euch von
hier oben zu helfen“ versuchte der Offizier uns zu beruhigen. Wir befanden uns
am Rande einer Strasse. Die Menschen rasten in ihren Autos an uns vorbei. „Wir
finden den Fehler nicht,“ informierte uns der Offizier. „Der See ist aber nicht
weit. Geht zu Fuß.“ „Oh Gott!“ rief Warz, „Nun hängen wir in diesen dämlichen
Erdlingskörpern rum, haben wochenlang so eine Kiste gebaut und dürfen jetzt zu
Fuß gehen.“ Er war wütend und begann, an allem zu drehen, zu drücken, zu ziehen.
Mit Erfolg! Plötzlich gab es einen Ruck, und mit quietschenden Reifen sausten
wir die Strasse entlang. „Warz! Bist du verrückt? Ich will hier leben, sterben
hätte ich auch da oben können!“, schrie ich meinen langjährigen Freund an, der
sich aber nicht im Mindesten um meine Ängste scherte. Stattdessen leuchtete sein
Erdlingsgesicht vor Freude. „Hey, lass uns doch mit diesem Ding hier wenigstens
ein bisschen Spaß haben“, rief er und überholte ein Auto nach dem Anderen. Ich
erkannte in ihnen einige wütende und schimpfende Erdlinge. Warz lachte: „Sind
die nicht süß? Vielleicht sollten wir einen oder zwei mit in den See nehmen. Nur
so zum Spaß haben.“ „Die können da nicht atmen, falls du das vergessen hast“,
erinnerte ich ihn verärgert an die Dinge, die wir in den letzten Monaten über
unsere unwissenden Gastgeber gelernt hatten.
Das Zielsignal war nun immer deutlicher zu hören. Wir befanden uns inmitten
einer Menschensiedlung. „Komm, wir gönnen uns ein wenig Erdlingszeit!“ rief
Warz, bremste, und war schon aus dem Auto heraus, das nun brummend am
Straßenrand stand und vielleicht ganz froh war, dass wir es verließen. „Warz,
warte! Das können wir nicht machen, wir müssen zum See!“, rief ich ihm nach,
aber er lief schon durch die Erdlinge als seien sie Schlingpflanzen am Grunde
unseres Sees. Was blieb mir anderes übrig als ihm nachzueilen? Ich schaute mich
um. Was Erdlinge so alles anstellen ist für unsereinen ja wirklich nicht
vorstellbar. Wir hatten zwar viel über sie gelesen, aber es ist auch noch mal
anders, wenn man sie in freier Wildbahn beobachtet. Ich schaute mich staunend
um.
Leider war unseren Offizieren unser kleiner Ausflug nicht verborgen geblieben.
„Was macht ihr da unten eigentlich?“, hörte ich die vertraute Stimme unseres
Offiziers. Er schien gar nicht amüsiert zu sein. Auch Warz und mir war klar,
dass unser Vergnügen jetzt ein Ende haben musste, wenn wir nicht richtig Ärger
bekommen wollten. Mühsam beruhigte ich den Offizier. Dann drehte ich mich einmal
um mich selber: „Hast du eine Ahnung, wo das Auto steht?“ Ich hatte keinen
blassen Schimmer mehr, wo wir das verdammte Ding verlassen hatten. „Lass uns den
Rest zu Fuß gehen,“ schlug Warz vor. Auch mir fiel nichts Besseres ein. Also
setzten wir uns in Bewegung. Da wir ja bereits ein gutes Stück gefahren waren,
konnte der See ja nicht mehr weit sein. Das Signal war weiterhin deutlich
erkennbar. Und die Offiziere würden schon einen Weg finden, das Auto dort zu
vernichten, wo es von uns stehen gelassen worden war.
III
Als wir am See ankamen, ging bereits die Sonne unter. Eine einsame Erdlingin
stand da und schaute uns zu, wie wir auf das Ufer zugingen. Ich flüsterte: „Hey
Warz. Sollten wir nicht besser woanders ins Wasser gehen?“ Aber er war nicht
mehr aufzuhalten. Auch ich spürte wie ich vom sanften Kräuseln der Wellen wie
von unsichtbaren Fäden angezogen wurde. Langsam liefen wir ins Wasser. Es war
wärmer, als ich es erwartet hätte. Aber es fühlte sich wunderschön an. Einen
kurzen Moment später schloss sich die Wasseroberfläche über unseren Köpfen und
gleichzeitig hatten wir unsere ursprünglichen Körper wieder. Wir glitten im
seichten Wasser davon. Ich fühlte mich wie unter Drogen.
IV
Nun sind einige Monate vergangen. Unsere Ankunft auf der Erde ist wohl doch
nicht ganz unbemerkt geblieben. Jedenfalls kamen kurz nach unserem Eintreffen
scharenweise Erdlinge her und bewunderten uns. Aber wir haben keinen Kontakt
aufgenommen. Das kann noch warten. Erst einmal müssen wir uns hier richtig
einleben. Dass wir das Auto einfach so hatten stehen lassen, trug uns übrigens
noch einen ordentlichen Rüffel ein. Und Warz – dem hat das Rumfahren damit so
viel Spaß gemacht, dass er unserem Offizier ständig in den Ohren liegt, sie
sollen ihn noch mal mit so einem Ding rumfahren lassen. Aber ich glaube nicht,
dass sie ihm das gestatten. Er ist einfach zu unberechenbar. Aber wer weiß? Er
hat ja auch seine charmanten Seiten. Und wenn erst die neue Offizierin da ist,
die uns gestern angekündigt wurde, wird Warz sicher seine ganzen Quallentricks
auspacken, um sie zu überzeugen, dass dabei gar nichts passieren kann.
Ende
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