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Geschichten - Zum Lesen: Der Mond und das MädchenDie folgende Geschichte ist tschuktschischen Ursprungs, ein kleines Volk im Südosten Sibiriens. In einem fernen Land lebte einmal ein Vater mit seiner Tochter. Sie hatten ein großes Zelt und eine Herde Rentiere, die sie das Jahr über hüteten. Wenn aber der Winter kam, mussten sie ihr Zelt abbauen und mit der Herde weit fort ziehen, wo die Tiere noch genug Nahrung finden konnten. So lebten sie lange Zeit glücklich ihr karges Leben. Schließlich aber wurde der Vater so alt, dass er einmal zu seiner Tochter sprach: "Mein Kind, ich bin nun zu alt, um die lange und beschwerliche Reise im Winter noch mitzumachen. Daher habe ich beschlossen, dass ich mit unserem Zelt hier bleiben werden, und du mit einem kleineren Zelt die Tiere fortführen wirst." Die Tochter, die sah, dass ihr Vater recht hatte, nickte, und zog bald darauf mit der Herde davon. Nach einigen Tagen kam sie auf der Winterweide an. Dort lebte sie mit den Tieren. Schließlich aber wollte sie einmal wissen, wie es ihrem Vater gehe. Und so nahm sie den Schlitten, packte das Nötigste darauf und spannte eines der Rentiere davor. Und schon ging es den ganzen Weg zurück. Es wurde schließlich Nacht. Und da blieb das Rentier einmal stehen, wandte sich zu ihr um und sprach: "Schau einmal dort, an den Himmel." Und als das Mädchen sich umsah, gewahrte es den Mond, wie er in einem silbernen Schlitten am Himmel herab zur Erde fuhr. "Wohin will der Mond?" "Zu dir will er," sagte das Rentier. "Er sucht eine Frau, und dich will er rauben." Das Mädchen erschrak, und wusste nicht, wohin es sich wenden sollte. "Habe keine Angst," sagte das Rentier, "ich will ein Loch in den Schnee graben, darin kannst Du Dich vor dem Mond verstecken." Und so geschah es auch. Kaum war das Mädchen im Schnee verschwunden, kam der Mond gefahren und hielt seinen Schlitten gerade neben dem des Mädchens. Er sprang herab und schaute sich um. Doch nirgends war auch nur eine Haarspitze von dem Mädchen zu sehen. Ärgerlich sprach der Mond: "Wo kann sie nur hin sein, eben habe ich sie doch noch vom Himmel herb sehen können. Das ist sonderbar." Es blieb ihm aber nichts anderes übrig, als wieder auf seinen Schlitten zu steigen, und den Himmel wieder herauf zu fahren. Da kam das Mädchen wieder hervor, umarmte das Rentier und dankte ihm mit herzlichen Worten. "Nun aber schnell fort zum Zelt meines Vaters, er kann uns vor dem Mond beschützen." Und da lief das Rentier so schnell es nur konnte voran und bald schon waren sie am Zelte des Vaters angelangt. Als sie aber hineintraten, lag der Vater da, und war inzwischen gestorben. "Ach, ich armes Mädchen. Wer soll mich nun vor dem Mond beschützen." Und weil sie ihren Vater so sehr geliebt hatte, weinte sie bittere Tränen. Schließlich aber machte sie ihm ein Grab und legte ihn hinein. Ein paar Tage vergingen. Da sah sie wieder einmal zum Himmel herauf und sah, wie der Mond in seinem silbernen Schlitten wieder herabfuhr. Sie erschrak heftig, und lief wieder zu ihrem Rentier, das ihr schon einmal geholfen hatte. "Der Mond kommt wieder, um mich zu holen. Hilf mir bitte!" Das Rentier sprach: "Ich werde mit meiner Hufe aufstampfen und du wirst Dich in eine Zeltstange verwandeln" "Ach nein," entgegnete das Mädchen, "da fände mich der Mond." "So verwandele ich dich in einen Faden des Teppichs." "Auch dort würde der Mond mich bald gefunden haben." "So in ein Sandkorn am Boden." "Nein, das hilft alles nicht." "Also sage Du mir, in was ich dich verwandeln soll, aber eile dich, denn es dauert nicht mehr lange, da wird der Mond hier sein." Das Mädchen dachte nach und bestimmte schließlich, es solle sie in eine Lampe verwandeln, und so geschah es auch. Das Rentier stampfte drei mal mit dem Huf auf den Boden, und da war das Mädchen verschwunden und in ein helles Licht verwandelt, das da in der Mitte des Zeltes hing und es bis in den letzten Winkel erleuchtete. Kaum war das geschehen, da kam der Mond gefahren. Er hielt den Schlitten vor dem Eingang des Zeltes, schlug die Lappen am Eingang beiseite und trat hinein. "Wo bist Du, Mädchen. Ich habe dich genau gesehen, du kannst mir nicht entkommen!" Und er schaute sich um, blickte in jeden Kasten, nahm jede Zeltstange in die Hand, hob jeden Faden des Teppichs in die Höhe und jedes Sandkorn am Boden. Doch so lange er auch suchte, das Mädchen fand er nirgends. Und er wurde wütender und wütender und vergaß so ganz auf die Zeit. Er wurde immer dünner und dünner, kraftloser und schmaler, bis er schließlich nur noch ein dünnes Männlein war, dessen Arme und Beine ihm vor Kälte am Leibe schlotterten. Als das Mädchen das sah, verwandelte es sich wieder zurück und sprang ihm auf den Rücken. Es band ihm Arme und Beine fest und warf ihn in eine Ecke. "Da bist du ja," sagte der Mond mit kraftloser und müder Stimme. "Ich habe dich so lange gesucht. Nun wirst Du mich sicher töten." Das Mädchen schaute den Mond nur an. "Höre mir zu," sagte der Mond. "Wenn Du mich am Leben lassen willst, so verspreche ich Dir, dass ich an den Himmel zurückkehren werde, und weder Dich noch ein anderes Erdenmädchen jemals wieder rauben will. Ich will dort oben bleiben und Dir und Deinem Volke in der Nacht ein guter Begleiter sein." Und weil er es versprach, nickte das Mädchen, löste ihm die Fesseln und ließ ihn gehen. Mit letzter Kraft schleppte sich der Mond in seinen Schlitten und fuhr wieder hinauf an den Himmel. Und seit diesen Tagen blieb er auch dort, und ist den Menschen ein Himmelsbegleiter und Licht in der Nacht. Ende zurück zu Geschichten zum Lesen Fragen und Anregungen bitte an: info@zungenklang.de nach oben zum Seitenanfang / zur Navigation |