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Geschichten - Zum Lesen: Der winzige Ritter


Autor: Dieter Schmid-Hermann


Es lebte einmal in einer Stadt ein winzig-kleiner Mann, der von allen wegen seiner geringen Größe nur verspottet wurde, denn er war nicht größer als der Arm eines erwachsenen Mannes. Dabei wollte er so gerne ein tapferer Ritter sein, der Prinzessinnen befreite und Königreiche vor Unholden bewahrte. Daher hatte er sich auch schon eine eigene winzige Rüstung gemacht und winzige Waffen, wenn er aber in seiner Rüstung auf seinem Hund, den er wie ein Pferd gesattelt hatte, durch die Strassen ritt, so lachten die Menschen ihn aus. Der Große und Wilde Ritter kam, und brüllte gleich mit gewaltiger Stimme: "Du Zwerg willst ein Ritter sein? Wenn ich wollte, so müsste ich nur husten, und du würdest fort fliegen wie ein trockenes Blatt im Wind." Darüber wurde der Ritter so winzig-wütend und traurig, dass er hinauszog und nicht mehr wiederkam.

Nachdem er lange geritten war, wurde er einmal ganz müde, suchte sich ein winzig-kleines Plätzchen mitten im Wald, ließ seinen Hund sich etwas Essbares suchen und schlief ein. Er schlief aber noch nicht lange, da hörte er nahebei ein Schluchzen und Weinen, dass es ihm ganz anders wurde, und wie er sich umsah, da stand da ein winzig-kleiner König auf einem Stein, und weinte.

"Nanu", dachte sich der Ritter, "was ist denn das? Ich will einmal fragen, warum er so sehr weint." Und wie er nun herzu ging und ihn fragte, da antwortete der König ihm: "Ach, es war Nacht, als meine Tochter von einem Drachen, der hier im Walde haust, entführt wurde. Ich fürchte, er wird sie auffressen, wenn nicht einer kommt, sie ihm wieder zu entreissen. In meinem winzigen Reich gibt es keinen, der den Kampf wagen würde, denn ich bin doch noch der größte von allen, die dort leben. So war ich also bei den großen Leuten und habe den Großen und Wilden Ritter danach gefragt. Aber er wollte mir nicht helfen. Ich besäße ja nur ein winziges Reich: davon noch die Hälfte, dazu die Hand einer winzigen Prinzessin, das wäre für einen wie ihn nicht genug. So wird meine Tochter gewiss sterben, denn ich weiß mir nun keinen Rat mehr."

Da strahlte der winzige Ritter und rief: "Hoppla, Herr König. Seht Ihr nicht, wen Ihr vor Euch habt? Ich bin zwar klein von Wuchs, aber groß von Mut und ein Riese von edler Gesinnung. Zeigt mir, wohin der Drache Eure Tochter entführt hat, und ich werde Sie befreien."

Der König freute sich über den Mut den winzigen Ritters und nannte ihm den Weg, so dass der sich bald auf den Weg machte. Es dauerte auch nicht lange, da hörte er den Drachen schon in seiner Höhle schnaufen. "He", rief er, "du ruchloses Tier, du Bestie, verdammter Räuber! Stelle Dich zum Kampf, denn ich bin hier, dich zu besiegen und mir die Prinzessin zu gewinnen." "Gehe fort, solange du noch kannst," schrie der Drache aus seiner Höhle, "denn ich bin groß wie ein Berg und meine Flamme könnte tausend Städte auf einmal zu Staub verbrennen!" "Nein," rief der winzige Ritter, "ich bleibe hier, denn ich fürchte mich nicht!" Da kroch auch schon der Drache aus der Höhle - der war aber nicht viel größer als ein Hase und schaute ihn wütend an. Der winzige Ritter musste bei dem Anblick ein winziges bisschen lächeln. Doch dann zog er sein Schwert, und es entspann sich ein Kampf auf Leben und Tod. Schließlich lag der Drache am Boden und war besiegt. Der winzige Ritter wollte gerade zum Todesstoß ausholen, da rief der winzige Drache: "Lass mich leben. Ich bin der letzte winzig-feurige Drache der Welt. Wenn Du mich verschonst, werde ich Dir immer zu Hilfe eilen, wenn Du mich brauchst." Der winzige Ritter dachte nach, wiegte den Kopf, und ließ ihn am Leben. Da kam auch die Prinzessin aus der Höhle hervor, und wie sie ihren Retter erblickte, da umarmte, herzte und küsste sie ihn so winzig wonnig und wunderbar, dass dem Ritter nicht nur ein winziges bisschen die Röte auf die Wangen stieg. Dann zogen sie zurück zu ihrem Vater, der ein winzig-großes Hochzeitsfest anstellen ließ, und auf dem es winzig-hoch herging. Der Ritter bekam die Hälfte des winzigen Reiches, und als der alte König starb, wurde er König über das winzige Reich.

Einmal kam der Große und Wilde Ritter und wollte das winzige Reich verwüsten. Da rief der winzige Ritter, der nun König war, winzig leise: "Drache, winzig klein, komm herbei, musst Hilfe sein!". Da kam der Drache geflogen, kroch dem Übeltäter sogleich unbemerkt unter die Rüstung und brannte ihm gehörig eins auf’s Fell. Der Große und Wilde Ritter wusste nicht, wie ihm geschah. Er glaubte, der winzige König hätte ihn verzaubert, bekam es mit der Angst, lief fort, und kam niemals wieder zurück. Und von da an lebten sie lange und regierten ihr Reich in winzig-großer Weisheit und Güte bis an ihr...

Ende


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