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Geschichten - Zum Lesen: Von der ungerechten WeltEine kleine Geschichte zum Thema Glück. Eine Erzählerin schrieb mir, dass die Geschichte aus Turkestan in Zentralasien stammt (Danke, Christine!). Es lebte einmal ein junger Mann in einer Stadt, der glaubte, er wäre der Einzige auf Gottes großer Welt, der kein Glück habe: "Mein Nachbar lebt glücklich mit seiner Frau, mein Freund arbeitet glücklich in seinem kleinen Laden, ein anderer braucht nur morgens die Türe zu öffnen, schon rollen die Taler wie von selbst in seine Tasche. Nur ich, ich habe nichts von alle dem bekommen. Gott ist ungerecht!" Und weil es ihm nicht in den Kopf gehen wollte, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, ging er einmal zu einem weisen Mann, und sang ihm dies hübsche Liedchen. Der Weise hörte geduldig zu, wiegte seinen Kopf hin und her und sprach dann: "Da hilft nichts, mein Freund. Du musst Gott selber um dein Recht angehen." Und er wies ihm den Weg zum heiligen Berg. Dort würde er Gott gewiss antreffen. Der junge Mann zauderte nicht, sondern machte sich bald auf den Weg. Schließlich kam er auch an den Berg heran, zu dessen Füssen sich ein Wald ausdehnte. Kaum war er da hinein, begegnete ihm auch schon ein hungriger Wolf, der wollte ihn gleich auffressen. Der Jüngling aber sprach: "Du darfst mich nicht fressen. Ich bin auf dem Weg zu Gott." Der Wolf schaute ihn an und sprach: "Du bist auf dem Weg zu Gott?" "Ja," antwortete der junge Mann, "ich will ihm sagen, dass er die Welt ungerecht eingerichtet hat. Jeder ist auf die eine oder andere Weise von ihm gut bedacht, doch mich hat er vergessen." Der Wolf sprach: "Mir geht es genau so. Ich lebe seit Jahr und Tag in diesem Wald, doch ist mir noch nichts Gutes vor die Schnauze gekommen. So lebe ich hier wie ein Eichhörnchen von Pflanzen, Wurzeln und Käfern. Frage Gott auch nach mir, und wann ich endlich einmal etwas Ordentliches zu fressen bekommen werde." Das versprach der Jüngling und eilte den Berg weiter hinauf. Er gelangte an einen Bergsee, der war ganz von Bäumen umgeben. Die Vögel sangen darüber, die Sonne schien, und die Wolken spiegelten sich im kristallklaren Wasser. Dazu war die ganze Luft vom Duft der Kräuter erfüllt, so dass dem Jüngling ganz wunderlich zumute wurde. Am einen Ufer stand eine kleine Hütte, davor stand ein Mädchen, jung und wunderschön anzusehen. Sie aber schaute den Jüngling nur aus traurigen Augen an. "Wohin läufst du?" wollte sie wissen. Da erzählte der Jüngling ihr von seinem Vorhaben. "Auch ich bin wohl von ihm vergessen worden. Denn ich bin an diesem wunderbaren Ort, und muss doch immerzu weinen. Frage ihn danach, wann das ein Ende nehmen soll." Der junge Mann versprachs und eilte den Berg weiter hinauf. Schließlich lag der Wald hinter ihm und er eilte am Laufe eines Baches weiter. Als er müde wurde, setzte er sich an einen alten, wie abgestorben da stehenden Baum, um sich auszuruhen. Er fiel in einen tiefen Schlaf, und da träumte er, der Baum spreche zu ihm: "Du willst zu Gott. Frage ihn von mir, warum ich an diesem Bach stehe, und doch verdursten werde, da ich nie mit meinen Wurzeln an das Wasser gelange, so sehr ich mich auch strecke." Der Junge versprachs dem Baum und erwachte. Erfrischt lief er weiter. So gelangte er schließlich auf den Berg hinauf. Dort aber saß Gott, hieß ihn freundlich willkommen, und lud ihn ein, sich zu ihm zu setzen. Da bekam der Jüngling Mut, und wie der Korken aus einer Weinflasche, die zu lange in der Sonne gelegen hat, platzte er mit allem heraus, was er Gott vorzuwerfen hatte. Und dabei vergaß er auch nicht, den Wolf, das schöne Mädchen und den alten Baum zu Zeugen für seine Sache zu berufen. Gott hörte zu, und sprach schließlich: "Vielleicht hast du recht, und ich habe es ungerecht eingerichtet. Doch ich will meinen Fehler wieder gut machen. Mache dich getrost auf den Heimweg, dein Glück wartet bereits. Aber halte die Augen gut auf, dass du nicht daran vorüber läufst", und gab ihm auch noch die Antworten für den Baum, das Mädchen und den Wolf mit auf den Weg. Der Junge aber lachte und sprach: "Daran soll es gewiss nicht liegen." Und lief, so schnell er konnte, überglücklich den Berg hinab. Den Baum sah er gar nicht, doch als er daran vorbei lief, stolperte er über eine Wurzel, und schlug so unglücklich mit dem Kopf auf, dass ihm für eine kurze Weile Hören und Sehen verging. Da sprach der Baum zu ihm: "Du warst bei Gott. Was hat er gesagt?" "Er sagte mir, dass zwischen deinen Wurzeln und dem Bach ein großer Brocken Gold liegt. Es müsse einer kommen, der ihn heben würde. Dann hättest Du immer genug Wasser." Dabei erwachte er, hielt sich kurz seinen Kopf mit den Händen, ob er noch ganz heil sei, und rief: "Gerne würde ich dir helfen, aber ich muss weiter, Gott sagte, mein Glück würde bereits auf mich warten. Ich will es nicht verpassen, du verstehst doch?" Er lief weiter und kam an den See, an dem die kleine Hütte stand. Er wollte eilig daran vorbei, da fasste das Mädchen ihn am Hemd und fragte, was Gott denn zu ihrer Frage gesagt habe. Der Jüngling antwortete: "Nun. Die Lösung ist einfach. Es müsste einer kommen, der dich von ganzem Herzen liebte, und mit dir hier leben wollte. Dann würdest du das Lachen schon wieder lernen." Das Mädchen schaute ihn dabei mit ihren hübschen großen Augen schier bis in sein Herz. Doch bevor er sich darin verlor, nahm er sich selber streng am Zügel und rief: "Nun schau mich nicht so an. Ich kann nicht bei dir bleiben. Aber es wird schon einer kommen, der dich liebt. Gott sagte mir, mein Glück würde bereits auf mich warten. Ich darf es nicht verpassen." Kurz war sein Abschied, und schon war er fort. Schließlich kam er wieder zu der Stelle, an der der Wolf ihm in den Weg getreten war. Auch diesmal stand dieser da und wollte ihn nicht vorüber lassen: "Was hat Gott gesagt? Wann werde ich einmal etwas Ordentliches zu fressen bekommen?" Der Jüngling rief: "Lass mich doch vorbei. Ich habe schon einem Baum geantwortet, dem muss ein Goldklumpen von den Wurzeln genommen werden. Ein schönes Mädchen muß sich in einen jungen Mann verlieben. Und dir lässt Gott mitteilen, du solltest den fressen, der dumm genug wäre, dir gleich zweimal vors hungrige Maul zu rennen." Da hörte der Wolf gleich auf, ihn weiter auszufragen, und frass ihn auf. So hatte zumindest er sein Glück gefunden. Ende zurück zu Geschichten zum Lesen Fragen und Anregungen bitte an: info@zungenklang.de nach oben zum Seitenanfang / zur Navigation |