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Geschichten - ... und mit einem Schlag zerschlug er es in zwei gleiche Teile.
oder: Was ist eigentlich ein gutes Märchen?


Vielleicht haben Sie sich schon mal gefragt, was eigentlich ein gutes Märchen ausmacht. Bei Erzählabenden und Seminaren begegne ich jedenfalls immer wieder Menschen, die das wissen wollen. "Die Antwort weiß ganz allein der Wind ..." wäre mir manchmal die liebste Antwort, doch wenn Sie und ich uns etwas Zeit nehmen, kommt doch noch etwas mehr dabei heraus. Wollen Sie?


Inhalt:

Die Vorrede
Der fünfteilige Märchenaufbau
Magie ist normal
Kein Autor
Gute sind gut und Böse sind böse
Es war einmal ...
Schlußbemerkung


Die Vorrede

Zu allererst einmal: es gibt keine guten und schlechten Märchen. Wenn Sie damit leben können, lohnt es sich, meinen Text weiter zu lesen. Denn beim Erzählen kommt es immer auf die Begleitumstände an. Wer erzählt warum wann und wie welches Märchen für welche ZuhörerInnen. Erst bei der Gesamtschau lassen sich dann halbwegs objektive Maßstäbe ansetzen, allerdings jenseits von Gut und Schlecht. Es ist dann eher ein Gefühl von "das passt" oder "das ist ja zum Weghören". In den allermeisten Fällen ist es der rein subjektive Eindruck, der darüber entscheidet, ob uns etwas gut tut und gefällt oder nicht. Wenn ich eine Erzählerin höre, die mir nur gelangweiltes Gähnen entlockt, kann neben mir jemand an ihren Lippen hängen und völlig begeistert sein. Und wir beide haben recht! Märchen sind eben nicht so oder so, sondern vieldeutig und vielseitig. Und so ist auch die Schar der Erzählerinnen und Erzähler. Dennoch gibt es natürlich den einen oder anderen Maßstab, auf den sich MärchenerzählerInnen weitgehend einigen konnten, und diese möchte ich Ihnen gerne vorstellen. Keiner dieser Maßstäbe ist allerdings 'sattelfest'. Je mehr sie von den im folgenden geschilderten Dingen finden, desto sicherer können sie sein, dass es sich hierbei auch im Fachkreis von Wissenschaftlern und Erzählern um ein Märchen handelt. Ach ja, eines noch, denn das ist mir wichtig. Wenn Laien von Märchen reden, meinen sie meist das, was Fachleute als Zaubermärchen und Volksmärchen bezeichnen. Dem folge ich in meinem Text insofern, als ich mit Märchen immer Zauber-Volksmärchen meine. Gut? Jetzt aber endlich los.


Der fünfteilige Märchenaufbau

In Märchen lassen sich oft fünfteilige Strukturen erkennen.

1. Zu Beginn wird die Ausgangssituation erzählt: "Es war einmal ein König, der lebte mit seiner Tochter, die sein einziges Kind war, lange Jahre vergnügt." Oft ist dieser Teil sehr kurz, manchmal nur ein Halbsatz, manchmal aber auch länger. Hier passiert noch nichts, wir erfahren nur Grundlegendes über die wesentlichen Personen.

2. Dann geschieht etwas: "Auf einmal brachte die Prinzessin ein Kind zur Welt und niemand wusste, wer der Vater war." Vorbei ist die scheinbare Idylle und Ruhe der Ausgangssituation. Die Karten wurden neu gemischt, ein Weiter-so-wie-bisher geht nicht mehr.

3. Also muss sich die Heldin oder der Held auf den Weg machen, beginnt irgendwie zu handeln, ohne dass ein Ziel, eine Verbesserung der Situation dadurch sicher absehbar wäre. Manchmal ist der Weg auch erzwungen: "Da befahl der König, seine Tochter, deren Kind und den Hans Dumm in ein Fass zu stecken und auf das offene Meer zu bringen".

4. Die Situation spitzt sich dann weiter zu, bis es schließlich Spitz auf Knopf steht. Oft geht es dann um Leben und Tod: "Die Prinzessin war erschrocken, der König so aufgebracht, dass er sie und das Kind mit dem Hans Dumm in eine Tonne stecken und aufs Meer setzen ließ." Hier muss sich die Hauptperson entscheiden. Es geht nur so oder so, hopp oder topp. Ein sowohl als auch, oder Kneifen ist nicht möglich. Oft ist die Geschichte hier so spannend, dass der Erzähler sich im Ausdruck stark zurückhält, um diese Situation nicht zu überfrachten und evtl. unaushaltbar zu machen.

5. Der letzte Teil ist dann die Lösung. Oft ist diese mit Magie verbunden, Zauberei oder Wünschen. Alles Schwere fällt ab, die Spannung weicht der Erleichterung, es folgt die wohlverdiente Belohnung für Held oder Heldin: "Da freute sich der König, und sie lebten vergnügt zusammen. Und nach seinem Tod wurde Hans Dumm König." Märchen gehen in aller Regel gut aus, der Held wird König oder es wird geheiratet oder es folgen Wohlstand und Reichtum. (alle Zitate in diesem Teil aus 'Hans Dumm' der Gebrüder Grimm)

Leider oder zum Glück lässt sich dieser Aufbau nicht immer finden, manchmal – wie im zitierten Märchen – ist der Aufbau verschachtelt oder verkürzt.


Magie ist normal

Das ist für mich immer wieder das Erstaunlichste beim Lesen und Erzählen: Wenn Geister oder Zwerge auftauchen, ein Mädchen ein Baum ist oder Tiere sprechen, dann ist das kein Grund zum Erschrecken für die Heldin oder den Helden. Nein, statt dessen wird sich unterhalten, Freundschaft geschlossen, Dienste werden angenommen, ... Es ist in der Märchenwelt einfach normal, dass Zauberhaftes vorkommt. Überraschend wäre eher, wenn dies nicht der Fall wäre. Und diese Eigenschaft lieben auch ZuhörerInnen besonders. Psychologisch gesehen ist die Wirkung: Es gibt keine Sackgassen im Leben, wenn man fähig ist, auch Sonderbares und Wunderliches in Betracht zu ziehen. Verstärkt wird diese Wirkung in vielen 'Drei-Brüder-Märchen'. Die beiden älteren Brüder verweigern sich dem Wunderlichen und stranden, der Jüngste reagiert entspannt darauf und schafft die Lösung.


Kein Autor

Wenn ich erzählt habe, kommen hin und wieder Menschen zu mir und wollen wissen, von wem die Geschichte ist. Ich kann das aber nicht sagen. Vielleicht ist mir aber bekannt, wer die Geschichte notiert hat, z.B. die Gebrüder Grimm. Das liegt daran, dass Erzählen bis vor ca. 200 Jahren eine fast ausschließlich mündliche Tradition hatte. Märchen aufzuschreiben und diese dann anderen zugänglich zu machen, war bis dahin eine absolute Seltenheit. Lesen konnten eh nur wenige Menschen. Also wurde von Mund zu Ohr weitergegeben. Darüber änderten sich die Geschichten immer wieder, je nach Erzähler und Umgebung, in der erzählt wurde. Die Gebrüder Grimm nahmen hier eine recht pragmatische Haltung ein: sie schrieben die Geschichten auf, allerdings in den seltensten Fällen im Wortlaut wie sie sie gehört hatten. Meist wurden mehrere Fragmente zusammengefügt, der Text geglättet und poetischer gemacht, usw. Zum Glück war vor allem einer der beiden ein ausgesprochen guter Texter, denn ihm (Wilhelm) verdanken wir wunderschöne Formulierungen und ‚Wortschätze’. Leider wurden viele Texte auch dem prüden Zeitgeist angepasst und dadurch gegenüber dem Original grauer und langweiliger. Somit erledigt sich meines Erachtens auch die Frage nach dem womöglich notwendigen textgetreuen Erzählen. Wer ein Märchen gut kennt, sich mit dem Text, Hintergründen und Inhalten auseinandergesetzt hat, soll doch bitte seine eigene Version finden. Sonst ist’s ja kein Erzählen, sondern Rezitieren. Oder? Damit sage ich nichts gegen gute Rezitatoren, denn auch das ist eine Kunst! Mancher wird einwenden: aber wenn ich Rumpelstilzchen nicht im Original erzähle, werden sich die Kinder doch beschweren. Nein! Erstens gibt es von jedem Märchen der Gebrüder Grimm verschieden Versionen. 'Der Wortlaut' ist also gar nicht möglich. Zweitens sind Kinder aufmerksame Detektive! "Du hast gut zugehört. Es ist schon möglich, dass ich etwas anders erzähle, als du es kennst. Höre mal genau hin, und hinterher frage ich dich noch mal, was Du anders kennst." Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Kind diese Einladung nicht angenommen hätte. Erwachsene sind manchmal für derlei Offenheit nicht zu haben, aber ich zwinge ja niemanden, mir zuzuhören.


Gute sind gut und Böse sind böse

Ein weiteres Wesensmerkmal von Märchen ist die klare Kennzeichnung von Gut und Böse. Gute haben oft 'goldenes Haar' und sind 'wunderschön' oder werden es im Verlaufe der Märchen. Das Böse dagegen ist hässlich und macht schon in der Beschreibung Angst. Allerdings gibt es auch hierfür Ausnahmen wie im Schneewittchen, wo die schöne Stiefmutter böse ist. Gut und Böse ändern sich auch nicht, wer gut ist bleibt es und dem Bösen geht es ebenso. Es gibt auch kein: "Schneewittchen war zwar meist eine gute Schülerin, aber manchmal ärgerte sie gerne ihren Vater." Nein. Gute sind durchgängig gut. Punkt. Durch das Weglassen einer ausschweifenden Persönlichkeitsschilderung, wie dies Romane auszeichnet, wird dem Hörer die Möglichkeit gelassen, alles in die gute bzw. böse Hauptperson 'hineinzusehen'.


Es war einmal ...

Wunderschön werden Märchen auch dadurch, dass sie Formeln verwenden. Beginne ich mit 'Es war einmal ...', wissen alle Zuhörerinnen und Zuhörer, jetzt folgt ein Märchen. Ende ich mit 'Und sie lebten glücklich miteinander bis an ihr Ende', wissen alle, jetzt kann wieder durchgeatmet werden, die Geschichte ist aus. Die beiden genannten sind wohl die Auffälligsten, doch von diesen Formeln finden sich eine ganze Menge, wenn man genauer hinschaut. Märchentypisch sind auch Wiederholungen von Szenen: "Und das Männchen kam wieder ..." oder auch Reime: "Ach wie gut, dass niemand weiß, ...". (die beiden letzten Zitate aus 'Rumpelstilzchen' der Gebr. Grimm).


Schlußbemerkung

Und das wars auch schon. Je mehr dieser Punkte sie in einer Geschichte wiederfinden, desto sicherer können Sie sich sein, dass es sich hier tatsächlich um ein Märchen handelt. Oder besser gesagt, um ein Zauber-Volksmärchen. Denn es gibt natürlich eine Vielzahl von Märchengattungen, wie Kunstmärchen, Schwankmärchen, Tiermärchen, Ammenmärchen, ... Aber das sollte ja hier nicht Thema sein. Wie gesagt. Wenn Menschen von Märchen sprechen, meinen sie meist Schneewittchen oder ähnliches, also Zauber-Volksmärchen.

Natürlich werden Sie in meinem Text Unzulänglichkeiten entdecken. Wenn Sie gar Fachmann oder –frau sind, wird Manches Ihren Widerspruch hervorrufen. Dann bitte ich um Nachsicht. Es geht mir hier nicht um eine wissenschaftlich erschöpfende Abhandlung, sondern um eine kurze – und doch recht lang gewordene – Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich ein gutes Märchen? Ich hoffe, ich konnte Ihnen dazu hilfreiche Antworten geben. Natürlich interessiert mich Ihre Meinung dazu sehr. Wenn Sie mir schreiben wollen, dann finden Sie unter Kontakt alles was Sie brauchen.

Ihr Dieter Schmid-Hermann


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