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Geschichten - ich lese Ihnen eine Geschichte vor - Text


Es lebte einmal ein junger Bauer am Rande eines Dorfes auf seinem kleinen Hof. Es gab nicht viel, was er sein Eigen nennen konnte, aber er war mit dem was er besaß zufrieden und ging seiner Arbeit mit Freude nach. Nur eines fehlte ihm: ein Mädchen oder eine Frau, mit dem er die Tage oder Nächte teilen konnte. Wenn er aber zu einem der Bauern aus der Umgebung ging - um die Hand seiner Tochter anhielt, dann lachten sie ihn aus und sagten: "Was bist du für ein armer Schlucker!" Und so musste er dann wieder zurückgehen auf seinen Hof und lebte alleine dort.

Wenn er an einer schönen Sommernacht zurück von der Arbeit kam und müde und erschöpft war, dann geschah es manchmal, dass er vor seiner Hütte stand, hinauf an den Himmel schaute, und dann sah er dort oben die vielen tausend Sterne glänzen und dann dachte er: "Wie schön wäre es, hätte ich eine Frau, die so schön ist wie diese Sterne dort oben am Himmel." Dann ging er in seine Hütte, legte sich auf sein Lager und schlief ein. So ging es über eine lange Zeit. Immer wieder einmal dachte er: "Ach, hätte ich nur eine Frau so schön wie diese Sterne dort oben am Himmel." Eines Abends aber da schaute er wieder hinauf und sah dort oben einen Stern, von dem meinte er, er hätte ihn noch nie gesehen. Er war so schön, viel heller als alle anderen und es wurde ihm ganz warm ums Herz, wenn er ihn anschaute: "Ach," sagte er, "hätte ich doch eine Frau so schön wie dieser eine Stern dort oben am Himmel." Und von Stund an da wollte er immer diesen einen Stern sehen und er konnte nicht in Ruhe schlafen, wenn einmal Wolken am Himmel waren. "Ach, hätte ich doch eine Frau so schön wie dieser Stern dort oben am Himmel," sagte er, ging in seine Hütte und schlief ein.

Er hatte aber einen sonderbaren Traum. Es war ihm, als wenn ein Mädchen sich zu ihm legte und bei ihm schlief die ganze Nacht.

Als er am Morgen erwachte, da war es kein Traum gewesen - nein! Da lag wirklich ein Mädchen neben ihm und das war so schön - so schön wie der Stern dort oben am Himmel. "Ein Sternenmädchen ist zu mir gekommen", sagte er. "Sicher ist sie erschöpft von der langen Reise. Ich will ihr etwas zu essen und zu trinken bringen, damit sie sich stärken kann, wenn sie wach wird." Und so ging er und schaute, was er fand. Er war ja nicht wohlhabend, aber er fand Mais, er fand Bohnen, ein paar Zwiebeln. Er fand auch ein Ei. Aber was er auch immer brachte, als das Mädchen erwacht war und es sah, da sagte sie immer nur: "Nein, das essen wir Sternenmädchen nicht." Schließlich war er ganz verzweifelt, und wusste nicht, was er ihr noch bringen sollte. "Sag mir, esst ihr Sternenfrauen gar nichts von unserer Menschenspeise?" "Doch," sagte sie und lachte ihn freundlich an. "Bringe mir Milch und Honig. Die Milch, die kommt vom Mond, der Honig von der Sonne. Das ist die Speise der Sternenfrauen." Da lief der Bauer und brachte Milch und Honig. Und von Stund an aß das Sternenmädchen Milch und Honig. Er selber aber Brot und Mais, Bohnen und Zwiebeln, manchmal ein bisschen Fisch und Fleisch, wenn er es hatte. Und so lebten sie miteinander glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Ende


Wörtliche Mitschrift des frei erzählten indianischen Märchens "Die Sternenfrau" aus Südamerika


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